· 

Probleme aus systemischer Perspektive

Was ist ein Problem?

In dieser Artikelreihe soll das "Problem" aus systemischer Sicht betrachtet werden. Denn nach diesem Ansatz wird dem "Problem" eine ganz andere Bedeutung zugesprochen.

 

Nach den systemischen Psychologen Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer ist ein "Problem etwas, das von jemandem einerseits als unerwünschter und veränderungsbedürftiger Zustand angesehen wird, andererseits aber auch als prinzipiell veränderbar gilt." Und da geht es schon mit der Defintion los, denn Zustand meint etwas Statisches, die Art und Weise wie jemand oder etwas IST. Doch schon das Wörtchen IST kann es aus systemischer Sicht gar nicht geben, denn nichts ist, alles scheint zu sein. Aber das wird an anderer Stelle noch Thema sein. Zurück zum Zustand.

 

Wenn man es also schafft, etwas, was man "Problem" nennt, als einen Zustand zu erfassen, dann stecken dahinter immense Fähigkeiten. Während zu jeder Sekunde unzählige Veränderungen auf uns und andere Menschen einwirken, schaffen wir es also, ein "Problem" in den Mittelpunkt zu rücken, und andere Prozesse treten in den Hintergrund. Ja wir schaffen es sogar, einem "Problem" einen Namen zu geben und damit fast schon zu Verdinglichen oder zu Personifizieren.

 

Kurz: Handlungen und Kommunikation sind von verschiedenen Personen nötig, damit Beschreibungen wie "es ändert sich eh nichts", "es bleibt immer so" zutreffen. "Probleme" können von uns verdinglicht werden, sie können so gestaltet werden, als wären sie etwas Greifbares. Und das schaffen wir, in dem wir aus unserem normalen Sprachgebrauch etwas "exkommunizieren" (G.Schmidt) und diesem damit eine eigene Dynamik geben. Wenn das erreicht ist, geht es aber mit der Verselbständigung weiter, denn dieses "Problem" kann sogar eine Eigendynamik entwickeln. Das zeigt sich darin, dass Menschen, die ein "Problem haben", oft als hilfloses Opfer dem "Problem" entgegenstehen.

Außerdem ist aus systemischer Sicht der Standpunkt von "jemandem" wichtig. Erst wenn es "Beobachter" gibt, die einen bestimmten Problemzustand entdecken und beschreiben, so gibt es auch ein Problem. Interessant ist der Aspekt des Entdeckens. Nicht alles, was andere als Problem beschreiben, muss auch für einen selbst problematisch sein. Zeigt also jemand eine bestimmte Verhaltensweise und die Person selbst und/oder andere Personen haben damit kein Problem, kann es ja auch kein Problem sein. Das bedeutet, dass ein Problem erst erschaffen wird, es wird "entdeckt".

 

Hinzu kommt auch noch, dass dieser problematische Zustand von mindestens einem der "Beschreiber" als unerwünscht und veränderungsbedüftig angesehen wird. Wird etwas als Problem angesehen, was keiner dringenden Veränderung bedarf und erwünscht ist? Zusätzlich können Mitglieder des System wahrnehmen, dass es möglich ist, den Problemzustand prinzipiell zu verändern. Alles andere wäre "Pech" oder "Schicksal".

 

Ich finde diese Sichtweise sehr spannend, denn sie zeigt, dass es nicht nur eine Person - wie so oft angenommen - oder eine bestimmte Gruppe ein Problem "hat". Sondern dass sich erst um ein Problem ein System aufbaut. Damit möchte ich mich in zusätzlichen Beiträgen weiter mit beschäftigen. Kann es also Probleme geben, wenn erst ein System etwas aus einer bestimmten Bewertung oder Sichtweise zu einem Problem macht, wenn ein ähnliches Verhalten oder Thema vielleicht in anderen Systemen eine andere Wirkung hat?

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Chris Blum (Dienstag, 28 August 2018 12:44)

    Super geschrieben und sehr lehrreich! Würde mich über weitere solche Artikel freuen.
    LG Chris