Die Bibliothek eines Menschen

Mittlerweile wird angenommen, dass wir unsere Gefühle in unserem Körper speichern. Das Gehirn hat dadurch einen leichteren Zugriff auf bereits gespeicherte Erfahrungen.

 
 
 

Man kann das mit einer Bibliothek vergleichen. Jeden Tag kommen neue Bücher hinzu, alte Bücher werden gelagert und genutzt, wenn man sie braucht.
Diese gespeicherten Körpergefühle sind unerlässlich für unsere Entscheidungen im Alltag. Nach Ansicht einiger Neurologen entsteht auch so jene geheimnisvolle Fähigkeit, die wir Intuition nennen, das Bauchgefühl. Diese Fähigkeit erlaubt es uns ja, unwillkürlich die richtige Wahl zu treffen.

Meistens sind uns diese Gefühle nicht bewusst, aber sie leiten uns bei unseren Entscheidungen. Wenn wir zum Beispiel nach langjähriger Beziehung von unserem Partner verlassen werden, kann der ein oder andere nach der Trennung Angst verspüren. Dieses Gefühl „Angst“ wird mit dem Ereignis „Trennung“ assoziiert und bei jeder späteren Trennung, die sich androht, wird die gespeicherte Erfahrung wieder aktiviert.
Dieser Mechanismus kann uns dann davor bewahren, erneut eine Trennung durchleben zu müssen. Aber das Netz dieser gespeicherten Körpergefühle reicht viel weiter und scheint unglaublich komplex, aber jederzeit veränderbar. In Restaurants können wir durch diese Gefühle zwischen Dutzenden von Gerichten entscheiden. Unbewusst wissen wir, welches Gericht in uns Unwohlsein oder Euphorie hervorgerufen hat.

Gefühle scheinen also für unsere Entscheidungen eine unabdingbare Voraussetzung zu sein. Das Gehirn strebt danach, mit möglichst geringem Einsatz möglichst viel zu gewinnen. Das ist eine Grundlage des Lernens. Die wenigsten Autofahrer müssen nach einigen Jahren Fahrpraxis noch bewusst über jeden einzelnen Handgriff während des Fahrens nachdenken.

Diese Assoziation hat einen Sinn: es hat unser Überleben vor mehreren tausend Jahren gesichert. Denn der Teil in unserem Gehirn, der Gefühle erzeugt, ist das limbische System, speziell die Amygdala, auch Mandelkern genannt.
Auch andere Säugetiere verfügen über ein limbisches System. Während junge Eidechsen oder Schlangen beispielsweise Gefahr laufen müssen, von den Eltern gefressen zu werden, kommt dieses Verhalten bei Säugetieren äußerst selten vor.

Bei Menschen hat sich dann aus dem limbischen System unsere Großhirnrinde gebildet, die ungefähr 2/3 unseres Gehirns ausmacht. Und mit dieser Entwicklung erweitert sich natürlich auch unser ganzes Repertoire an Verhaltensweisen.
Hinzu kommt noch, dass unser limbisches System ganz eng mit unserem sogenannten Arbeitsspeicher zusammenarbeitet: Erinnerungen werden also mit Emotionen verknüpft. Wir erinnern uns eher an Ereignisse, die emotional besetzt sind und genau das macht diesen Prozess so sinnvoll.

Vor über 50.000 Jahren war es sinnvoll für unsere frühen Vorfahren, Angst vor einem Säbelzahntiger zu haben, wenn man durch diesen vorher schwer verletzt wurde. Der Mandelkern sichert unser überleben. Zwischen Reizaufnahme und Verhalten braucht der Mandelkern gerade einmal ein Zwölftausendstel einer Sekunde, so wurde es zumindest bei Ratten gemessen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei Menschen ähnlich verhält. Der Teil, der bei den Betroffenen hinter der Stirn beschädigt wurde, war der Präfrontallappen. Und dieser Teil scheint wie eine Art Vermittler zu der in unseren Nervenverbindungen gespeicherten Bibliothek der Gefühle zu sein.