vom Selbst entfremden

"Der moderne Mensch hat sich entfremdet."

Der Begründer der Gestalttherapie Fritz Perls (eigentlich Frederick Salomon Perls) wählte diese Worte. Auch um die Gestalttherapie zu beschreiben. Heute hatte ich das Thema im Unterricht und da zeigte ich ein Video von Fritz Perls, wie er mit einer Klientin arbeitete. Ich finde es immer wieder interessant, wie die Studenten auf die Arbeitsweise reagieren. Vielleicht liegt es einfach daran, dass sie in einem Video einen Meister bei der Arbeit sehen. Sonst werden die Ansätze der verschiedenen Persönlichkeiten der Psychologie "nur" theoretisch besprochen. Vielleicht ist es aber auch die Art, wie Perls gearbeitet hat. Denn er sprach direkt aus, was er dachte, fühlte und wahrnahm. Und wie oft verstecken oder schränken wir unsere wirkliche, echte Meinung ein?!

Perls beschäftigte sich schon früh mit dem Thema, wie Menschen es schaffen, ihre Bedürfnisse nicht so äußern zu können, wie sie diese doch eigentlich meinen. Er sprach oft davon, dass wir Menschen ein Spiel spielen, uns dumm stellen, eine Maske oder Fassade aufrechterhalten, um nicht so gesehen zu werden, wie wir wirklich im Kern sind. Das heißt also, dass wir Zeit unseres Lebens gelernt haben, über unser Selbst so viele Schichten zu legen, dass wir auf der einen Seite dieses Selbst gar nicht wirklich mehr wahrnehmen und auf der anderen Seite, dass es wohl auch umso mehr Arbeit bedeutet, an das Selbst erst einmal heranzukommen. Aber bekannt ist ja, dass der Mensch auch gerne zur Bequemlichkeit neigt. An dieser Stelle möchte ich einen Studenten zitieren, der seine Veränderung heute im Unterricht in einer großartigen Metapher dargestellt hat. Er meinte, dass er um sich herum ganz viele Schichten wie bei einer Zwiebel gepackt hat. Er wusste, dass es in den Augen brennen würde, wenn er es schaffe, an das Innere zu kommen. Aber das sei zu unangenehm, also habe er sich damit nicht weiter beschäftigt. Wie oft denken wir uns, das ist mir aber zu unangenehm, da schaue ich mal lieber weg? Auch ich kann mich nicht davon frei sprechen. Ich selbst war auch ein Meister darin, Schichten um mich herumzupacken, damit mich keiner so sieht wie ich bin - oder war.

 

Kerngebot

Das Bild auf der rechten Seite zeigt das obengenannte Zitat aus dem Video. Es gibt ein Kerngebot der Gestalttherapie: "Lass dich auf Unerfreuliches und Schmerz ebenso ein wie auf Freude. Schränke deine Bewusstheit (awareness) nicht ein." Übersetzen würde ich das vielleicht mit "Vermeide nichts" oder besser: "Schau hin!" (da unser Gehirn das Wörtchen nicht nicht kennt). Vielleicht meinte der Student mit dem "Inneren, was in den Augen brennt" genau das Unerfreuliche oder den Schmerz, der in diesem Kerngebot angesprochen wurde.

Auf Schmerz zu schauen, auf Erfahrungen im Leben zu schauen, die wenig bis gar nicht erfreulich waren. Wer kann sagen, dass ihm das uneingeschränkt möglich ist? Zu viele schaffen es, genau diese schmerzliches Erfahrungen gekonnt zu verdecken. Die Strategien sind dabei so vielzählig und kennen fast keine Grenzen. Eine beliebte Strategie, um Unerfreulichem aus dem Wege zu gehen, ist zum Beispiel Sucht - egal in welcher Form. Nach Konflikten an der Arbeit sich Abends dem Problem nicht zu stellen, sondern eher auf Alkohol zurückgreifen. Zerstreuung um Langeweile und Stille zu entfliehen ist eine weitere Möglichkeit, Schmerz und Unerfreulichem auszuweichen. Es gibt Kliniken hier in Deutschland, die arbeiten nach dem Ansatz, dass der Patient erst mal fasten sollte, also auf seine Süchte verzichten, um sich selbst oder sein Selbst zu erkennen. Und dabei geht es auch oft nicht nur um stoffgebundene Süchte, wie Alkohol oder Zigaretten. Sondern auch nicht-stoffgebundene Süchte, wie Arbeitssucht oder Sportsucht.

"Ich bin ich und du bist du!"

Dieser Satz kommt auch aus der Gestalttherapie und viele werden möglicherweise sagen, dass sie es genau so sehen. Wie soll es auch anders möglich sein, natürlich bin ich ja ich. Aber halten wir uns immer daran? Können wir unsere Bedürfnisse oder Meinung immer so klar vertreten wie es für uns gut ist? Oft halten den Ein oder Anderen Glaubenssätze ab, man solle nicht so egoistisch sein, oder auch mal an andere denken.

Letztes Jahr hatte ich ein Seminar in Bielefeld gegeben. Auf der Fahrt dorthin hörte ich im Radio, wie der Moderator humorvoll eine Studie präsentierte. Die Studie kommt aus England und hört sich im ersten Moment wie eine stotternde Schallplatte an, die ein Bühnenprogramm von Mario Barth präsentiert: "Wieso Männer so viel Zeit auf Toilette verbringen?".  Was sich wirklich im ersten Moment lustig anhört, sagt vielleicht aber auch ganz viel über Bedürfnisäußerung aus, wenn man imstande ist, den oberflächlichen Humor außer Acht zu lassen. Laut der Studie verbringen Männer deshalb so viel Zeit auf Toilette, damit es eben einfach mal still ist. 23% der Männer äußerten, dass die Toilette ihre Zuflucht vor ihrer Partnerin oder ihrem Partner sei. Heißt das also, wir verstecken uns lieber auf dem Klo, als dem anderen sagen zu können, man brauche gerade mal Zeit für sich, Ruhe, Stille, was auch immer? Wovor haben dann einige Angst? 

Sich auf seine Bedürfnisse zu besinnen und sie wirklich wahrnehmen zu können - dabei soll der Satz "Ich bin ich und du bist du" helfen. Und wichtig ist dabei, die eigenen Bedürfnisse, und nicht die des anderen wahrzunehmen. Das kann zwar durchaus hilfreich sein, überdeckt man dann aber seine eigenen Bedürfnisse, kann es schnell in eine emotionale Abhängigkeit hinauslaufen. Der Satz geht aber noch weiter: "Ich bin ich und du bist du. Ich bin nicht auf der Welt, um deine Erwartungen zu erfüllen und du bist nicht auf der Welt, um meine Erwartungen zu erfüllen." Und nun könnte ich mir vorstellen, dass der Ein oder Andere einige Ideen und Gedanken zu dem Satz haben mag.

Grundlage der menschlichen Bedürfnisse sind unsere Emotionen. Und ja, da kennen wir vielleicht auch einige Glaubenssätze, die uns lange dabei geholfen haben, unsere Emotionen nicht so zu zeigen wie es gesund für uns ist. Der Ansatz nach Fritz Perls bietet eine Möglichkeit, sich mit sich selbst und seinem Selbst zu beschäftigen. Und abschließend - auch wenn dieser Satz mittlerweile fast überall vorkommt - kann vielleicht das Zitat helfen: "Der Weg ist das Ziel." Denn es kann einen ständigen Prozess bedeuten, sich selbst oder sein Selbst zu finden.

Viel Erfolg!