Eigen-Empathie

Sich selbst wert-schätzen

Heute nutze ich wieder einen Impuls, den ich aus dem Unterricht mitgenommen habe. Die Überschrift soll das Thema auch schon verdeutlichen. Vor einiger Zeit hatte ich eine Gasthörerin in einem meiner Kurse und sie nutzte das Wort "Eigen-Empathie". Hier möchte ich beide Worte durch einen Bindestrich hervorheben.

Empathie kennt so gut wie jeder. Und jeder ist auch empathisch. Hört man sich bei Firmenseminaren, Dates oder bei Menschen in sozialen oder helfenden Berufen um, so ist natürgemäß dort jeder empathisch. Aber sind wir das auch zu uns selbst? Dieser Frage gehe ich in letzter Zeit viel öfter nach und nehme dahingehend auch meine Umwelt wahr. Wie empathisch geht man also mit sich selbst um? Das Wort Empathie kommt aus dem Griechischen und wird aus zwei Wörtern zusammengesetzt: em was so viel wie "mit" bedeutet und pathos für "leiden, fühlen". Ungefähr heißt Empathie übersetzt also "mit-leiden, mit-fühlen". Und darum geht es: in einem empathischen Kontakt sollen wir in der Lage sein, mit unserem Gegenüber mit-zu-fühlen. Eine ganz liebe Teilnehmerin eines meiner Seminare sagte einmal: "Empathie bedeutet für mich, den Weg in den Schuhen des Anderen zu laufen." Ich finde, das beschreibt die Fähigkeit Empathie sehr gut.

Wenn wir in der Lage sind, in einem Kontakt unseren Standpunkt zu verlassen, dann schaffen wir es, Empathie zu der Person uns gegenüber aufzubauen. Und die Empathie scheint wohl auch eine Art Grundeinstellung unseres Gehirns, ja sogar der Gehirne von Säugetieren zu sein. In Experimenten wurden Affen und Ratten konditioniert, Angst vor einem bestimmten Ton zu haben. Während eines der Tiere diesem Ton ausgesetzt war, sah ein anderer Affe oder eine andere Ratte über einen Monitor den Schmerz oder die Angst des Artgenossen. Durch einen Knopf konnten die Tiere ihre Artgenossen von der Angst befreien. Sie drückten den Knopf, und das Tier auf der anderen Seite wurde dem Ton nicht mehr ausgesetzt. Selbst wenn die Tiere durch Drücken des Knopfes selbst Schmerz zu erwarten hatten, drückten sie darauf, um den Anderen davor zu erlösen - auch wenn der Moment nur kurz anhielt. Auch wir Menschen besitzen diese Grundeinstellung. Denn sehen wir andere Menschen in Angst oder Schmerz, werden in unserem eigenen Gehirn die gleichen Bereiche aktiviert, als würden wir den Schmerz selbst empfinden.

Vom Erforschen der Empathie

Der amerikanische Arzt und Psychotherapeut Carl Rogers, der auf dem Bild zu sehen ist, erforschte lange Zeit die Auswirkungen empathischen Kontakts in der Psychotherapie. In zahlreichen Studien belegte er, wie wichtig es für unser Gegenüber ist, wenn er angenommen und gewertschätzt wird, wenn er sein darf, wie er ist, wenn er beobachtet, statt bewertet wird. Doch Carl Rogers erforschte etwas, was wir selbst schon von Geburt an in uns haben: die Fähigkeit zur Therapie. Eigentlich entdecken wir dann eine vielleicht lange verborgene Ressource wieder.

So wichtig aber die Empathie im Umgang mit anderen Menschen ist, wie leicht gelingt es uns, dass wir empathisch mit uns selbst umgehen? Um nochmal eine Definition von Empathie zu gebrauchen, die ganz offen einsehbar bei Wikipedia steht: so heißt es da,  "Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Emotionen, Gedanken, Motive und Glaubenssätze einer anderen Person zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden." Ja gut, es geht um andere Personen, vielleicht macht es das für viele leichter, als sich selbst erkennen, verstehen und empfinden zu können. Sind wir bereit zu sehen, was in uns ist?

Nach vielen Seminartagen oder Vorlesungen frage ich die Gruppe abschließend, was sie glauben, heute ganz besonders gut gemacht zu haben. Und wie oft höre ich die Antwort: "Woher soll ich das denn wissen, das musst du doch am besten wissen?!". Auch in der Arbeit mit Klienten bekomme ich oft die Rückmeldung, dass sie nicht wissen, was sie selbst gut machen würden, was ihre Erfolge wären, was eine großartige Eigenschaft von ihnen selbst wären. Ich solle doch bitte andere fragen. Aber erstaunlicherweise kommen dann ganz viele Antworten, wenn ich die Frage umstelle: angenommen ich würde eine andere Person fragen, was eine tolle Eigenschaft an dir sei, was würde die mir denn antworten?

Sind wir so sehr im Außen beschäftigt, dass wir unser Innen kaum noch wahrnehmen? Sind wir so abhängig von der Be-WERT-ung anderer, dass es für uns eine immens große Herausforderung darstellt, uns selbst einen Wert zuzuschreiben?

Wer, wenn nicht ich selbst?

In der Bibel steht: "„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?" (Matthäus 7,3). Ja, oft ist es für uns einfacher, uns mit anderen zu vergleichen und eher den Anderen wahrzunehmen, als auf uns selbst zu schauen. Wir haben es in vielen Situationen aber auch so gelernt und kennen es vielleicht nicht besser. Unsere Schule ist ein einziges Bewertungssystem, das geht dann weiter in der Universität, im Berufsleben - wir stehen ständig in der Konkurrenz zu anderen und bekommen einen Wert von anderen zugeschrieben. Wer hat sich nicht schon wert-los oder wenigen Wertes gefühlt, wenn man wahrgenommen hat, wie gut es anderen vielleicht finanziell geht? Eltern, Lehrer, Pfarrer, wer auch immer haben sicherlich dann auch den ein oder anderen Glaubenssatz in uns gefestigt, der uns dann ein Leben lang begleiten kann. Dem Ein oder Anderen wurde vielleicht gesagt, dass man nur jemand ist, wenn man Leistung erbringe, dass man seine Nase nicht zu hoch tragen solle, wenn man sich mal über etwas gefreut hat, was man selbst geleistet hat. Da gibt es noch viele weitere kreative Sätze, die jeder für sich wahrscheinlich auch beliebig ergänzen kann.

Doch wer, wenn nicht jeder selbst, kann doch am besten beschreiben, was man gut gemacht hat, was man für Erfolge erzielt hat? Auch ich durfte das erst für mich lernen und ich habe mir fast jedes mal auf die  Lippe gebissen, wenn ich gesagt habe, was ich an mir gut finde. Als sei es mir nicht erlaubt. Als gäbe es eine Stimme oder einen erhobenen Zeigefinger, der mich immer wieder mahnt, meine Nase doch nicht so weit nach oben zu strecken. Aber können andere uns wirklich bewerten? Wenn Leistung von anderen abhängig ist, können wir dann jemals diesen Ansprüchen genügen? In dem vorigen Artikel über Selbst-Entfremdung habe ich ein Kerngebot aus der Gestalttherapie nach Fritz Perls erwähnt. Ein weiteres Kerngebot ist: "Akzeptiere kein 'sollte' oder 'müsste' außer deinen eigenen. Bete keine Götzenbilder an."

Es kann eigene Freiheit bedeuten, wenn man es schafft, selbst wahrzunehmen und zu bewerten, was man gut kann und welche Erfolge man selbst erzielt hat. Wieviel innere Ruhe kann es vielleicht sogar bringen, wenn man es schaffen kann, den Selbst-wert nicht von anderen abhängig zu machen? Oder wenn das Vergleichen durch Konkurrenz aufhört? Wie viele eigene Fähigkeiten kann man dann mit Neugier wieder erkunden und entdecken, wenn man selbst Spaß an dem hat, was man kann?

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