"Keine Zeit haben"

Zeit und Abhängigkeit

Für mich persönlich sollte dieser Satz zum Unwort – oder eher Unsatz – gekürt werden. Wie kann es sein, dass wir einen Satz entwickelt haben, der ausdrückt, dass wir keine Zeit haben, aber doch aus der Fülle einer lebensumspannenden Zeit schöpfen können? Den Satz kann man vielleicht auch noch mal in Ruhe lesen: keine Zeit haben. Also ist es doch scheinbar zwangsläufig dazu gekommen, dass wir die Zeit vom ursprünglichen Rhythmus in der Natur abgetrennt haben. Denn uns steht so viel Zeit zur Verfügung, aber wir machen uns abhängig von einer selbstauferlegten Zeitmessung.

 

Der Mensch hat die Zeit für sich erfunden, um verschiedene Bereiche einfacher und kontrollierbarer zu halten. Als die ersten Kalender entwickelt wurden, waren diese noch sehr eng mit dem Rhythmus der Natur verwurzelt. Heute erfinden wir sogar ein eigenes Vokabular, was verdeutlicht, dass dort eine tiefe Trennung vollzogen wurde. Wenn ich schon sage, dass ich keine Zeit habe, wer hat dann das Recht, über meine Zeit zu verfügen? Wofür habe ich denn keine Zeit? Und wenn man sich dann noch über etwas aufregt, dass die eigene Zeitplanung durcheinander bringt, etwas was „unvorhergesehen“ war, dann regt man sich doch eigentlich über etwas auf, was man selbst auferlegt hat. Aber sich selbst etwas aufzuerlegen und sich dann darüber aufzuregen scheint ziemlich paradox, spricht aber oft auch für eine Art Abhängigkeit nach Sicherheit.

Wer kann wirklich von sich behaupten, nichts (NICHTS) tun zu können? Diese Frage stelle ich oft Studenten und viele antworten dann, dass sie das könnten. Wenn ich dann frage, was es bedeute, wenn sie nichts machen, kommen Antworten wie: „Ja dann mache ich Haushalt.“, „Ich lese dann.“, „Dann gehe ich spazieren.“ Aber ist das nichts machen? Wir können es uns fast schon gar nicht mehr leisten, nichts zu machen. Unsere Leistung ist so stark mit unserer Zeit gekoppelt, dass viele Menschen Angst empfinden, wenn sie mal nichts zu tun haben. Und das wäre dann „verschwendete Zeit“. Auch wieder so ein Ausdruck, der verdeutlicht, dass man sich möglicherweise in einem System befindet, dass von außen bewertet, ob wir unsere Zeit nutzen oder nicht. So schaffen es viele, sogar ihre Freizeit zu planen. Minutiös wird in den Kalender am besten am Sonntag schon eingetragen, wie lange man mit einem Freund essen gehen will, wann man sich Zeit eingesteht, zu lesen oder mit Kind und/oder Haustieren zu spielen. Und dann gibt es so großartige Erfindungen an Methoden, die uns von außen auferlegen und sensibilisieren wollen, wie wichtig doch ein Zeitmanagement ist. Also bis jetzt konntest du mit deiner Zeit scheinbar nicht vernünftig umgehen, also gebe ich dir mal ein paar Methoden mit an die Hand, damit du deine Zeit effektiver nutzt.  Um das mit einer Metapher zu schmücken, manchmal kann es vielleicht helfen, sich zu fragen, in welchem Uhrwerk man steckt.

 

Wenn jemand über unsere Zeit verfügt, verfügt dieser jemand wohl dann auch über unser Leben. Wenn jemand sagt, dass man zu der und der Uhrzeit, am besten auch noch 45 Jahre lang, erscheinen muss, dann haben wir zu kommen. Und das ist auch ein wichtiger Aspekt von Sicherheit. Jemand von außen hilft mir, mein Leben zu strukturieren, bevor ich das ja alleine machen müsste. Was käme denn dann dabei heraus und vor allem: was sollen denn die Anderen denken? Um 14 Uhr im Garten sitzen und in den Himmel schauen, um 14 Uhr? Da stimmt was nicht. Es kann hin und wieder helfen, sich auch der Abhängigkeit gegenüber der Zeit bewusster zu werden. Auf eigenen Beinen steht es sich meistens am besten. Vielleicht ist das aber auch schon ein Ansatz einer Rebellion, dass viele junge Menschen mittlerweile eher mehr Freizeit einem guten Verdienst vorziehen würden. Der Deutschlandfunk und MDR haben dazu interessante Artikel veröffentlicht.

 

 

JETZT ist das Leben

Es gibt eine – wie ich finde – fragwürdige Methode, die oft Teilnehmern in Zeitmanagementseminaren vorgeführt wird. Man nehme ein Meterband und sage den Teilnehmern, jeder Zentimeter sei ein Jahr. Angenommen jeder würde dann 100 Jahre alt werden, wo wäre dann jeder Teilnehmer mit seinem momentanen Alter auf diesem Meterband. Angenommen da sitzt jemand, der 52 Jahre alt ist. Rückblickend: Wie hat der Teilnehmer oder die Teilnehmerin seine Zeit bis jetzt verbracht?  Wohl scheinbar  wenig sinnvoll, sonst wäre er oder sie nicht auf einem Zeitmanagementseminar. Ok, zugegeben, bei wem macht sich ein bisschen Druck bemerkbar? Oder Torschlusspanik? Um mich mal ein bisschen wenig systemisch auszudrücken.

 

Wem sollte es letztlich wichtig sein, wie wir unsere Zeit verbringen? Das sind wir selbst und wer Kinder hat, denen sollte es sicher auch wichtig sein. Auch wenn viele Eltern schon anfangen und die freie Zeit ihrer Kinder mit verschiedenen außerschulischen Unterrichtseinheiten zu verplanen. Dann ist nach der Schule Klavierunterricht oder Fußball angesagt, Hausaufgaben sollten ja bitte auch noch gemacht werden, Zimmer aufräumen, Nachhilfe. Spielen? Wenn man das auf ein Erwachsenen projizieren würde… Ein Erwachsener, der spielt, ist doch vielleicht faul, oder? Also bereiten wir bitte unsere Kinder auf das Erwachsenenalter vor.  Dabei kann es sich doch so beruhigend und sprichwörtlich befreiend auswirken, wenn man ein bisschen mehr Selbstbestimmung über seine Zeit erreichen kann. Eine kleine Veränderung eines Zahnrades im Uhrwerk kann bewirken, dass die anderen Zahnräder anfangen, sich zu drehen. Und wie gut kann es sich wohl anfühlen, wenn man das Zahnrad in seinem System ist, dass beginnt, sich zu drehen.

 

 

 

Manchmal finde ich da die Geschichte des Schülers passend, der Gott darum bittet, über Wahrheit belehrt zu werden. Der Gott sagt: „Mein Freund, es ist so ein heißer Tag, bitte bringe mir doch ein Glas Wasser.“  Und der Schüler geht hinaus und klopft an die Tür des ersten Hauses. Dort macht ihm eine schöne junge Frau die Tür auf und der junge Mann verliebt sich in sie. Sie heiraten und bekommen mehrere Kinder. Eines Tages beginnt es zu regnen. Der Regen wird immer heftiger jeden Tag. Die Bäche und Flüsse schwellen an, die Straßen und Dörfer werden überflutet und die Häuser hinweggeschwemmt. Der junge Mann hält sich an seiner Frau fest und trägt seine Kinder auf den Schultern. Und während er weggespült wird, ruft er: „Gott, bitte, rette mich doch!“ und der Herr sagt: „Wo ist das Glas Wasser, um das ich dich bat?“ Oft ist Zeit die wichtigste Ausrede vieler Menschen und viele versuchen Sicherheit in der Zeit zu finden. Aber Zeit bringt wenig Ordnung und Sicherheit. Es kann nur bedeuten, dass wir im JETZT ausschöpfen, was uns zur Verfügung steht. Nicht im Morgen und auch nicht im Gestern. JETZT ist der Moment, in dem wir leben!

 

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